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Ganz im Zeichen Luthers sollte das Jahr 2017 stehen, ein ganzes Lutherjahrzehnt liegt gar hinter uns, auch wenn die allermeisten […]

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ZUM REFORMATIONSTAG 2017: DIE FREIHEIT DES CHRISTENMENSCHEN

Ganz im Zeichen Luthers sollte das Jahr 2017 stehen, ein ganzes Lutherjahrzehnt liegt gar hinter uns, auch wenn die allermeisten von uns davon wohl weniger mitbekamen. Gleichwohl lohnt es sich, über Luthers Botschaft nicht nur heute nachzudenken, und zwar unabhängig davon ob wir Lutheraner oder Katholiken sind; oder ob wir überhaupt Christen sind. Es lohnt, weil seine Botschaft allemal wert ist diskutiert zu werden, nicht nur theologisch sondern gerade auch politisch.

Seine zentrale Schrift heißt „Von der Freyheyt einiß Christen Menschen“. Die für seine Zeit revolutionäre Botschaft darin lautet: Der Mensch erlangt Seligkeit nicht durch fromme Taten und Symbole; er erlangt sie allein durch Jesu Christi Annahme. Gerechtfertigt ist er vor Gott allein durch dessen Gnade, nicht durch eigene „Leistung“.

Genau daraus ergibt sich nach Luther die Freiheit des Christenmenschen. Das Handeln von lutherischen Christen ist nicht mehr bestimmt durch amtskirchlich verordnete fromme Handlungen, nicht Gebete, nicht Ablassbriefe, nicht Pilgerfahrten, nicht durch regelmäßiges Fasten. All dies, sagt uns Luther, rechtfertigt uns nicht vor Gott, weil nur Gottes Gnade dies tun kann.

Luther stellt lediglich eine Lebensmaxime in den Mittelpunkt des Christendaseins: die Liebe. Was der Christ tut, das ist wohlgetan, sofern es aus Liebe geschieht. Aber er tut es aus freien Stücken, weil Gottes Gnade davon nicht abhängt. Christ zu sein, bedeutet daher nach Luther vor allem eines: Selbständigkeit im Handeln und damit verbunden Gewissensfreiheit.

Nicht die äußere Tat des Christen entscheidet darüber, ob sie christlich ist. Es gibt, von wenigen offenkundigen Ausnahmen abgesehen, keine christlichen Taten, die sich nach ihrem äußeren Erscheinungsbild als solche erkennen lassen. Vielmehr ist auch eine äußerlich liebevolle Tat, sobald sie aus völlig anderen Beweggründen erfolgt keine christliche Tat. Und andersherum ist eine äußerlich belanglose oder gar zunächst unchristlich erscheinende Tat womöglich aus Liebe erfolgt. Die Beurteilung dessen unterliegt, mit Ausnahme besonders offenkundiger auch außen erkennbarer Fälle, dem Christen selbst, weil nur er seinen Antrieb letztlich kennt. Gott aber vermag dies zu erkennen und seine Handlungen einzuordnen. Daraus folgt, dass zwei äußerlich dasselbe tun können, der eine aber tut es aus Liebe, der andere aus völlig anderen Gründen. Dieselbe Handlung wäre grundsätzlich unterschiedlich zu bewerten. Genauso könnten zwei Christen etwas grundsätzlich Verschiedenes tun und doch beide aus Liebe und damit christlich handeln.

Für den Christen erwächst daraus Freiheit, aber mit der Freiheit auch Verantwortung für sein Handeln.

Dieses lutherische Erbe steht doch in bemerkenswertem Kontrast ausgerechnet, nicht etwa zur katholischen Amtskirche, was weniger verwunderlich wäre, sondern um einiges mehr noch zur evangelischen Amtskirche, die in den vergangenen Jahren so häufig bemüht war zu betonen, welche tatsächlichen Handlungen für Christen geboten seien und welche Verhaltensweise unter gar keinen Umständen christlich motiviert sein könnten. Die Leichtigkeit, mit der lutherische Amtsvertreter auch im Lutherjahr Menschen das Christsein absprachen, allein aufgrund einzelner Handlungen, ja gar Worte, steht so offenkundig im Widerspruch zu Luthers Lehren, dass es des Widerspruches an dieser Stelle bedarf; und das nicht nur im Lutherjahr, sondern darüber hinaus.

Luther war nicht nur Theologe. Er war daneben Begründer unserer gemeinsamen deutschen Sprache, er war politisch und unbequem. Dennoch hatte er keinen alleinseligmachenden Wahrheitsanspruch in politischen Fragen, aber er stand authentisch wie kein anderer für eine Erneuerung der Kirche gegen alle Widerstände. Seine Lehre von der Gnade Gottes und das Wirken weiterer Reformatoren in Europa steht denn auch sinnbildlich für das Aufbrechen erstarrter gesellschaftlicher Rituale. Wenn seine Bannerträger heute ihre Roben überstreifen, dann sollten sie das bedenken.

An Luther zu erinnern ist daher immer lohnend. Luther ist kulturhistorisch ohnehin offenkundig von so großer Bedeutung für uns, dass die Erinnerung an ihn einen bundesweiten jährlichen Feiertag rechtfertigt. Als Begründer unserer gemeinsamen deutschen Sprache und als Anstoßgeber für die Aufklärung verdient er, neben aller Kritik an seinem Wirken, unsere Aufmerksamkeit.

Wir wünschen allen Lesern einen freien (und konservativen) Reformationstag.