„Angespuckt vor aller Augen“

20181022_offenerBrief Frauke Petry

Sächsische Zeitung
Chefredaktion
Herrn Uwe Vetterick
– per E-Mail –

Offener Brief
Beitrag der Sächsischen Zeitung vom 20. Oktober 2018
„Angespuckt vor aller Augen“
https://www.sz-online.de/nachrichten/angespuckt-vor-aller-augen-4035479.html

Sehr geehrter Herr Vetterick,
die Sächsische Zeitung hat am zurückliegenden Samstag einen Beitrag mit dem Titel „Angespuckt vor aller Augen“ veröffentlicht. Autor ist Henry Berndt. Als direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises Sächsische Schweiz – Osterzgebirge wende ich mich in diesem Zusammenhang an Sie.

In dem Artikel wird von den Erfahrungen eines syrischen Flüchtlings namens Thabet Azzawi in einer „Gaststätte nahe Königstein“ – also mitten in der Sächsischen Schweiz, einer der Tourismushochburgen in Sachsen schlechthin und eben auch meinem Wahlkreis – berichtet. Mit mehreren wörtlichen Zitaten schildert der junge Mann eine Szene, die sich während eines gemeinsamen Besuchs mit seiner Freundin dort zugetragen haben soll: Auf die Frage „Hallo, können wir ein Bier bekommen?“, sei ihm von der Kellnerin beschieden worden, das „könne er nicht“. „Einfach so“ sei die Antwort auf seine Nachfrage, „was das denn hieße“, gewesen.

Der Vorgang, sollte er sich so zugetragen haben, wäre nicht hinnehmbar. Ich bin mir sicher, der regionale Deutsche Gaststätten- und Hotelverband und selbstverständlich auch der Tourismusverband Sächsische Schweiz würden die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Was aber ebenfalls auf keinen Fall hinnehmbar ist, und deshalb wende ich mich mit diesem Brief an Sie, ist die Art der Berichterstattung, die jede Form von seriösem Journalismus vermissen lässt. Mit der Anonymisierung des Adressaten der schwerwiegenden Vorwürfe wird nicht nur diesem die Möglichkeit genommen, sich zu dem Vorfall zu äußern. Schlimmer, es wird der Eindruck mindestens billigend in Kauf genommen, die Sächsische Schweiz und im weiteren Verlauf des Artikels ganz Sachsen wäre von einer latenten Ausländerfeindlichkeit geprägt. Jeder Journalist, der halbwegs etwas auf seinen Berufsstand hält, wird in solch einem Fall die Gegenseite recherchieren. Darauf zugunsten der Story zu verzichten und in Folge eine ganze Region in Mithaftung zu nehmen, ist nicht tolerabel.

Auch sonst weißt die Geschichte einige Ungereimtheiten auf. Ein Beispiel: Henry Berndt schreibt, Thabet Azzawi sei 2015 nach Sachsen gekommen und studiere seit sieben Semestern Medizin. Das würde im günstigsten Fall bedeuten, er hätte unmittelbar nach Ankunft im Freistaat sein Studium aufnehmen können. Die hinlänglich bekannten Zeiten für die Anerkennung als Asylbewerber, erst recht jene für die Zulassung zum Medizinstudium, lassen das wenig glaubwürdig erscheinen. Unter dieser Art Unglaubwürdigkeiten leidet im Prinzip der ganze Artikel.

Ich kenne aus vielen Gesprächen die engagierte Arbeit der Gastronomen in der Region. Ich weiß von deren Sorgen und Nöten, von Fachkräftemangel, Bürokratielasten, ausufernden Regelwerken und anderen Problemen. Die Unternehmer hier leben vom Tourismus und ausländischen Gästen. Es ist daher schlicht nicht vorstellbar, dass einer von ihnen seinen Angestellten diesen Umgang gestatten würde. Es hätte Konsequenzen, auch da bin ich mir sicher. Aber auch diese Form der Aufarbeitung vereitelt Ihr Autor durch seinen Beitrag.

Ich schlage Ihnen deshalb ein gemeinsames Gespräch mit dem Tourismusverband, der DEHOGA und der Gaststätte, in der Herrn Azzawi die Bewirtung verweigert wurde, in meinem Wahlkreis vor. Das sollte zeitnah geschehen.

Am Rande: Johannes Lohmeyer, Chef des Tourismusverbandes Dresden, kommentiert auf Facebook diese Geschichte mit den Worten: „Ich habe meine ausländisch aussehenden Mitarbeiter gebeten, uns zu informieren, wenn es diesbezüglich in Dresden Probleme gibt. Niemand hat bislang irgendetwas in der Richtung erlebt, und auch ich nicht, der als Halbaraber seit 22 Jahren in Dresden lebt.“

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Frauke Petry MdB