Was bleibt, sind Trauer und Wut

20190730_Frankfurt

Die unfassbaren Ereignisse des gestrigen Morgen sind auch 24 Stunden später kaum in Worte zu fassen. Mutter und Kind wurden mutwillig vor einen einfahrenden Zug gestoßen. Der kleine Junge überlebte diese Schreckenstat nicht, die Mutter brach schwerst traumatisiert zusammen, umstehende Passanten schreien und liegen sich weinend in den Armen, Rettungskräfte arbeiten am seelischen Limit, eine ganze Nation steht unter Schock.

Diese feige Attacke traf uns an unserer empfindlichsten Stelle – einem arg- und wehrlosen Kind. Täter und Opfer kannten sich mutmaßlich nicht, demnach wurden sie Zufallsopfer aus niedrigen Beweggründen. Das, und dass diese Tat am helllichten Tag, an einem belebten Platz unter den Augen dutzender Zeugen und Kameras passieren konnte, desillusioniert die Alltagssicherheit der Bürger. Was bleibt, ist die Erkenntnis, es kann jeden, zu jeder Zeit und an jedem Ort treffen.

Während die einen noch über das Tatmotiv spekulieren, hören wir bereits erste Vorschläge aus der Politik, wie solche Angriffe zukünftig verhindert werden könnten. Von „Schrittgeschwindigkeit“ für einfahrende Züge bis zu elektronischen Passagierschranken ist alles dabei. Bis dahin sollen Bahnreisende einfach etwas Abstand zu den Gleisen halten. Die Zynik erinnert an die berühmte „Armlänge Abstand“. Mehr Abstand zu den Gleisen verhindert nicht, dass ein Mörder einfach mehr Anlauf nimmt, um sein Opfer erfolgreich auf die Gleise „schubsen“ zu können und Passagierschranken verlagern die Mordlust einfach auf andere Orte, wie die Treppen des Bahnhofes.

Während man sich im Bundestag – durch Sicherheitstechnik und -person eingehegt – trotzdem noch so unsicher fühlt, dass man sich zusätzlich mit einem „Burggraben“ vor möglichen Gefahren schützen möchte, wird die Bevölkerung durch vermeintlich gute Ratschläge belehrt. Unser Vorschlag an die Politiker wäre: Nutzen Sie doch mal die Bahn, anstatt das Auto, gehen Sie ins Freibad, statt Ihren Privatpool, gehen Sie im Park joggen, statt auf dem Laufband und lassen Sie Ihre Kinder eine öffentliche Schule besuchen, statt Privatunterricht zu buchen. Sie werden schnell feststellen, dass zwischen Ihrem idealisierten Weltbild und der Realität Ihrer Bürger kaum noch Gemeinsamkeiten existieren. Vielleicht ziehen Sie dann endlich die richtigen Schlüsse und handeln zum Wohl des Volkes, wie Sie es einst per Eid beschworen. Den kleinen Jungen wird das leider nicht mehr lebendig machen und auch wird es den Schmerz seiner Familie nicht zu lindern vermögen, aber vielleicht helfen Sie so weitere Opfer zu vermeiden.

Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt dem Kind, dass nicht erwachsen werden durfte und seinen Angehörigen, die mit dieser abscheulichen Tat lebenslänglich gestraft sind.