+++ Zur heutigen Plenardebatte „Organspende“ +++

Sehr geehrter Präsident, sehr geehrte Damen und Herren,

Die freiwillige Organspende rettet Leben. 9.500 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Es besteht Handlungsbedarf, darin sind wir uns einig.

Der Vorschlag des Gesundheitsministers ist dabei jedoch wenig hilfreich. Die angestrebte Widerspruchslösung sorgt für Vertrauensverlust und Irritation. Er hinterlässt ein mulmiges Gefühl bei den Bürgern, weil der Staat nach der Hoheit über den Kinderbetten nun auch nach der Oberhoheit über den Organen verlangt. Der Antrag degradiert die Spende zur Zwangsabgabe. Sie wird ihrer selbstlosen Geste entkleidet, zugunsten eines kollektivistischen Anspruchs.

Wir reden hier nicht nur über Formalitäten. Darunter fällt die Klausel, dass das Gesetz bereits mit 16 Jahren greift. Jugendliche dürfen kein Auto fahren oder wählen, aber wir trauen ihnen zu, verantwortungsvoll über ihre Organe zu entscheiden. Nicht nur mich beschleicht dabei das Gefühl, dass der Gesetzgeber hier darauf setzt, dass Jugendliche ihre Widerspruchserklärung vergessen.

Nein, diese Frage geht weiter. Die Frage nach der Organentnahme ist auch eine Frage nach den letzten Dingen. Die Universität Jena hat in ihrem Brief an die Bundestagsabgeordneten die Spahn-Lösung empfohlen, sie sei – so wörtlich – „humaner“. Die Begründung: den Menschen werde das Problem genommen, sich mit dem eigenen Tod beschäftigen zu müssen. Der Nanny-Staat nimmt uns an die Hand. Eigenverantwortung, selbstständiges Denken, mündige Entscheidungen: sie werden einem großzügig abgenommen. Die Verdrängung der eigenen Vergänglichkeit wird Staatsraison.

Ich bin daher nicht nur gegen dieses Gesetz, weil es ein schlechtes Gesetz ist. Es ist der Geist, der diesem Papier innewohnt. Es ist ein gefährlicher Geist, der den Mensch als Verfügungsmasse ansieht; es ist ein Geist, der das Kollektiv vor das Individuum setzt; es ist ein Geist, dessen Anspruch total ist. In ihm wohnt keine Menschenliebe, sondern blanker Nützlichkeitsgedanke. Das Gesetz ist das Gegenteil dessen, was es behauptet zu sein.

Bei einer so grundsätzlichen Frage wie die nach dem menschlichen Leben kann es nur eine menschliche Lösung geben. Das heißt: wir müssen weiterhin über die Organspende aufklären, statt sie von oben herab zu verordnen. Wir müssen auch über die Grauzonen des Sterbens sprechen, über die Unschärfe der Hirntoddiskussion anstatt darauf zu hoffen, dass Bürger diese Fragen nicht stellen, die aber für das eigene Sterben essentiell wichtig sind. Die Skandale im Transplantationswesen haben das Vertrauen nachhaltig erschüttert. Strukturelle Mängel und Abläufe rund um die Organtransplantation sind noch immer nicht komplett behoben. Hier gilt es anzusetzen – damit die Organspende weiterhin ein selbstbestimmter Dienst am Nächsten bleibt, der unserem christlichen Menschenbild entspricht.