Corona – außer Spesen nix gewesen

„Mit dem Wissen von heute hätte der Lockdown nicht so drastisch ausfallen müssen. Friseure und auch Einzelhandel müssten nicht mehr schließen, außerdem würde es auch keine Besuchsverbote in Pflegeeinrichtungen mehr geben.“ So ließ sich dieser Tage Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) locker nebenbei zitieren.

Man könnte, nein, man muss es drastischer formulieren: Menschen hätten nicht allein und ohne Begleitung von Familienangehörigen sterben müssen. Existenzen in Mittelstand, Handwerk, Gastronomie, Gastgewerbe oder Veranstaltungsmanagement hätten nicht vernichtet werden müssen. Zehntausende Menschen hätten nicht zu Nazis erklärt werden müssen, nur weil sie bereits seit Monaten die Position vertreten, die Jens Spahn nun im Handstreich vereinnahmt. Und schließlich, Abermilliarden an Steuergeldern hätten nicht verschleudert werden müssen, mit der Folge, dass an den Schulden noch unsere Kindeskinder zu knabbern haben werden. Einen „Schutzschirm“ allerdings braucht es jetzt tatsächlich – nämlich den für die chronisch unterbeschäftigten Krankenhäuser.

Um all das zu verhindern, wäre nicht das Wissen von heute nötig gewesen, sondern ein strukturierter Umgang mit einer Viruserkrankung. Den Plan dazu hatten Bundestag und Bundesregierung Anfang 2013 vorliegen. Nur umgesetzt worden ist davon so gut wie nichts. Stattdessen herrschte und herrscht behördliches Chaos quer durch alle Ebenen. Warum gab es nicht von Anfang an ausreichend Masken, vor allem sichere Masken für die Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, die sie am dringendsten benötigt hätten? Die Bundesregierung verweist in einer Antwort auf die entsprechende Frage auf die Bundesländer, die ja für den Katastrophenschutz zuständig gewesen seien. Kompetenzgerangel allenthalben. Und es hält bis heute an, medial befeuert durch das wenig amüsante Spiel, wer tanzt am besten den „Corona-Kanzler“.

Einer kann es schon mal auf keinen Fall sein: „Wir-müssen-die-Zügel-anziehen-Söder“. Ob flächendeckendes Alkoholverbot (inzwischen gerichtlich wieder kassiert) oder Höchststrafen für Maskenverweigerer – es hat alles nichts genützt. Bayern liegt mit Blick auf das bundesweite Corona-Geschehen nach wie vor an der Spitze. Woher die Bewunderung für die harte Söder-Hand aus dem Bayernland also kommt, wird uns ein Rätsel bleiben. Vielleicht liegt es an der Schwäche der „Konkurrenz“. Denn wer sich im Schatten der Corona-Krise von Karnevals-Laschet, über Besserverdienerabkassierer-Scholz bis hin zu Netzspeicher-Baerbock alles für kanzlerreif hält oder gehandelt wird, schüttelt den Hund samt Hütte.

Apropos schütteln. Nicht wenige Sommerurlaubsrückkehrer aus Dänemark oder Schweden schütteln nach in jeder Hinsicht vollkommen entspannten Tagen in Skandinavien den Kopf ob der deutschen Corona- und Maskenhysterie und möchten am liebsten in Flensburg oder Saßnitz auf dem Absatz kehrt machen. Bedauerlicherweise geht das nicht, denn Urlaub ist nun mal leider endlich. Und so werden auch wir uns hier in den kommenden Tagen und Wochen wieder intensiver mit den im wahrsten Sinne des Wortes Wahnsinnsthemen der Berliner Politik auseinandersetzen müssen. Verordnete Solardachpflicht, das fortgesetzte Schrauben an der KfZ-Steuer, die Anpassung an die EU/Freizügigkeitsregelung oder – fast schon metaphorisch – die „Urwald-Offensive“ der Grünen für Deutschland. Genug Themen für einen spannenden Herbst, die man sonst unter dem liebevoll gehäkelten Corona-Schleier der Merkel-Regierung glatt übersehen könnte.

Auf keinen Fall aber werden wir die „Spesen“ der Corona-Politik übersehen. Denn über diese wird noch zu reden sein. Mit der laxen Spahn-Entschuldigung ist es jedenfalls nicht getan. Denn die volkswirtschaftlichen Nachwehen der „Hätten-wir-vielleicht-besser-machen-können-Politik“ sind noch gar nicht abzusehen.