+++ Datenoktopus in freier Wildbahn +++

Kennen Sie auch diese schaurig-spannenden Geschichten von Riesenkraken, die irgendwo tief im Ozean auf Beute lauern sollen, nie aber wirklich an der Meeresoberfläche gesichtet werden, bestenfalls in den Zeilen alten Seemannsgarns? Nun, vor einigen Tagen durchbrach eine andere Gattung die Wahrnehmungsschwelle und hinterließ deutliche Wellen an der Wasseroberfläche. Verlassen wir also die gemütliche Hafenkneipe.
Die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, kurz Schufa Holding AG schickt sich an, Einblick in die Kontoauszüge der Verbraucher zu erlangen. Was zunächst harmlos als „Angebotstest“ daherkommt und später als freiwillige Option zur Verfügung stehen soll, hat Potenzial alten Legenden vom Riesenkraken neuen, modernen Stoff zu liefern. Der alte Krake steht als Datenoktopus wieder auf.
Angesichts angeblicher oder tatsächlicher Bargeldmüdigkeit der Deutschen und immer neuer Vorstöße der Politik Bargeld letztlich ganz abzuschaffen – zur Zeit unter Coronavorwand („zahlen Sie möglichst bargeldlos“) sind Kontoauszüge so eine Art Tagebuch unseres Lebens. Jede Überweisung, jede EC- oder Kreditkartenzahlung (egal, ob an Supermarktkasse, Parkautomat, Fahrkartenschalter, Kinokasse), jeder Dauerauftrag gibt Auskunft über Vorlieben, Freizeitverhalten, Hobbys, Reisegewohnheiten und vieles mehr.
Zwar gibt die SCHUFA vor, „sensible Daten wie beispielsweise die Bezahlung einer Arztrechnung würden automatisch herausgefiltert und dürften nicht verarbeitet werden, nur für die Bonitätsbewertung und Betrugsbekämpfung relevante Daten kämen zur Speicherung.“ Aber was heißt das? Regelmäßig wiederkehrende Arztrechnungen geben unter Umständen Auskunft über den Gesundheitszustand eines Menschen und damit am Ende auch über seine Kreditwürdigkeit.
Es schon heute für Verbraucher kaum möglich nachzuvollziehen, wie der persönlichen Score zustandekommt. Der entscheidet aber im Zweifel final über Abschluss oder Ablehnung von Mobilfunk-, Miet- oder Kreditverträgen und anderem mehr. Ich begrüße daher ausdrücklich die Absicht von Verbraucherschützern, gegen diese Pläne rechtlich vorzugehen. Das Argument der freiwilligen Zustimmung zur Kontoeinsicht steht übrigens auf tönernen Füßen. Ist der Damm erstmal gebrochen, ist es mit der Wahlfreiheit schnell vorbei.
Schlagen wir also unser Tagebuch vor allzu neugierigen Blicken zu. Es geht niemanden etwas an.