+++ OFFENER BRIEF AN EINE REDAKTEURIN DER SÄCHSISCHEN ZEITUNG +++

Sehr geehrte Frau Klemenz,
am 8. Januar 2021 veröffentlichte die Sächsische Zeitung einen Beitrag unter Ihrem Namen mit dem Titel „Händler wollen Corona-Regeln brechen“ (https://www.saechsische.de/coronavirus/
wirmachenauf-sachsen-laeden-corona-bussgeld-polizei-5350766-plus.html). In diesem Text arbeiten Sie sich an dem seit Tagen im Internet kursierenden Aufruf „Wir machen auf“ (#wirmachenauf) auch unter Einbeziehung eines Facebook-Posts von mir ab.
Einzelhändler, Gastronomen, Kosmetikstudiobetreiber, Friseure und viele andere Unternehmer, die sich angesichts der zwangsweisen Betriebsschließungen im Zuge der Coronaschutzmaßnahmen wirtschaftlich massiv in ihrer Existenz gefährdet sehen, wollten ursprünglich am 11. Januar deutschlandweit ihre Geschäfte und Läden aus Protest und um des puren Überlebens willen wieder öffnen. Inzwischen ist die Aktion auf den 18. Januar verschoben worden.
Während es aber zum Beispiel die WELT (https://www.welt.de/wirtschaft/article223759638/ wirmachenauf-Einzelhaendler-wollen-trotz-Lockdown-oeffnen.html) oder auch der NORDKURIER (https://www.nordkurier.de/politik-und-wirtschaft/laeden-wollen-aus-protest-trotz-lockdown-oeffnen-0341936901.html) ohne Probleme geschafft haben, die Hintergründe des Vorhabens in aller Ernsthaftigkeit und journalistischer Neutralität zu beleuchten – unter anderem, in dem sie Betroffene und deren Verbände sehr eindrücklich zu Wort kommen ließen, haben Sie es bevorzugt, den Fokus mehr oder weniger ausschließlich auf angebliche Umtriebe von „rechtsextremistischen Ver-schwörungstheoretikern“ und auf einen einzelnen, „vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall geführten“ Politiker der AfD zu legen. Dort war der Aufruf, um Sie zu zitieren, „ebenfalls verbreitetet“ worden.
Mir ist es ziemlich gleichgültig, wer den „verzweifelten Hilfeschrei“ (Handelsverband Sachsen) aus Lokalen und Geschäften neben den eigentlich Betroffenen und denjenigen, die Verständnis zeigen noch verbreitet. An dessen Berechtigung gibt es nämlich sowohl ob der schieren Zahl der Unterstützer und der ihre Teilnahme ankündigenden Unternehmen, als auch aufgrund der Tatsache der ausbleibenden finanziellen Unterstützung keinen Zweifel. Aus diesem Grund habe ich diese Aktion auch öffentlich befürwortet. Die „Wut und Verzweiflung“ (Handelsverband Bayern), die aus dem Aufruf schallt, kann man nur ignorieren, wenn man, aus welchen Gründen auch immer, absichtlich weghört.
Ich möchte Sie fragen, wenn von einem untergehenden Dampfer neben zigtausenden anderen um ihr Leben kämpfender Passagiere auch Attila Hildmann um Hilfe riefe (den Sie in Ihrem Beitrag extra bemühen), würden Sie den Kahn allen Ernstes mit Mann und Maus als rechte Verschwörungsschaluppe untergehen lassen?
Wie hoch das Wasser einigen bereits am Hals steht, hätten Sie, die Sie ja offensichtlich eifrig auf Facebook herumspähen, wenige Minuten von Ihrer warmen Redaktionsstube entfernt leicht herausfinden können. Hören Sie doch einmal genau hin, was der Wirt des ANNO DOMINI in Dresden-Klotzsche zu sagen hat: https://www.facebook.com/169839983046413/videos/727051428214949. Ihnen müssten doch die Ohren klingen? Selbst der SPIEGEL titelte am 5. Januar: „Die Shutdowns kommen schneller als das Geld“.
Wenn Sie Ihren Beruf ernst nähmen, wären Sie längst auf dem Weg nach Berlin und würden dort im Finanz- oder Wirtschaftsministerium bei den Herren Scholz und Altmaier nachdrücklich auf Antworten drängen, warum trotz aller „Bazookas“ und „Hilfen für alle“ bei den Unternehmern der ums nackte Überleben ringenden Branchen Land unter herrscht. Stattdessen verwenden Sie Ihre Mühe auf das Herauspicken einzelner abseitiger Facebook-Kommentare, in denen von „satanistischen Eliten“ gefaselt wird und versuchen damit, den Protest von Grund auf zu diskreditieren. Dass Sie damit nicht alleinstehen, macht die Sache keineswegs besser.
Die Sächsische Zeitung, ihre Journalisten und Redakteure sollten weiß Gott Besseres in diesen für so viele extrem schwierigen Zeiten zu tun haben, als zu polarisieren und den Mantel der Ablenkung über das offensichtlich kritikwürdige Handeln, besser unverantwortliche Unterlassen der in Berlin und anderenorts in Regierungsämtern sitzenden Truppe zu hängen. Das jedenfalls erwarten in der Regel Leser von einer seriösen Zeitung oder einem Blatt, welches den Anspruch hegt, eine solche sein zu wollen.
Womöglich ist die unternehmerische Nähe zur SPD aber doch zu groß, um wirklich unabhängigen Journalismus praktizieren zu können. Mir fällt dazu ein Satz der früheren SPD-Schatzmeisterin Wettig-Danielmeier in einem Welt-Interview ein: „Auch dort, wo wir nur 30 oder 40 Prozent haben, kann in der Regel nichts ohne uns passieren.“ Daran scheint sich nichts geändert zu haben.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Frauke Petry, MdB